Der Sport emotionalisiert wie kaum ein zweites gesellschaftliches Phänomen. Während die Eintracht in den vergangenen Wochen um den Klassenerhalt kämpfte, erlebte man in Frankfurt erneut die gesamte Bandbreite aus Bangen, Frust, Verzweiflung, Wut, Hoffnung, Euphorie und totaler Ekstase. Aus dieser Achterbahnfahrt der Gefühle gehen die viel zitierten Helden des Sports hervor.
Erstaunlich eigentlich, bedenkt man, wie nebensächlich all das im Vergleich zu den großen Themen des Lebens ist. Beim Kaufland-Spieltagscamp der Eintracht Frankfurt Fußballschule waren die wahren Helden daher ausnahmsweise nicht die Trainer, die allesamt auf glorreiche Bundesliga-Karrieren zurückblicken können, sondern die teilnehmenden Kids, die in ihren kurzen Jahren bereits mehr durchgemacht haben, als manch anderer in einem ganzen Leben. Sie alle haben den Krebs besiegt.
Vor dem letzten Saison-Heimspiel der Eintracht gegen Borussia Dortmund waren 50 Kinder zu Gast, die entweder am eigenen Leib oder durch engste Familienmitglieder direkt von der Krankheit betroffen sind oder waren. Nach dem Aktionsspieltag der Saison 2014/15, als sämtliche Teams der Bundesliga das Logo der Deutschen Krebshilfe auf dem Ärmel trugen, war es das zweite Spieltagscamp dieser Art für die Fußballschule der Eintracht.
„Wer in der letzten Saison dabei war, hat gesehen, dass es ein ganz besonderes Camp war. Es stand für uns außer Frage, dass wir das wiederholen würden“, so Stefan Rauschen von Fußballschulen-Partner Kaufland, der sich von der Tapferkeit und Lebensfreude der Jungen und Mädchen beeindruckt zeigte: „Wenn man in die Gesichter der Kinder sieht, entdeckt man keine Spur von all dem, was sie hinter sich haben. Sie sind voll bei der Sache und einfach happy. Genau das wollten wir mit diesem Camp erreichen.“
Angeleitet von den ehemaligen Eintracht-Profis Manni Binz, Norbert Nachtweih, Cezary Tobollik und Ervin Skela absolvierten die Youngsters ein zweistündiges Trainingsprogramm auf dem Rasenplatz vor der Wintersporthalle – natürlich in kompletter Fußballmontur. Bei strahlendem Sonnenschein wurde ausgelassen gekickt und den großen Vorbildern nachgeeifert. Nicht nur für die Eltern ein wunderbarer Anblick: „Die Kinder ziehen überragend mit, so macht das einfach Spaß“, freute sich Bundesliga-Rekordspieler Karl-Heinz „Charly“ Körbel.
Dass sie dies überhaupt tun konnten, verdanken die Kinder auch den Institutionen, die sich seit vielen Jahren dem Kampf gegen den Krebs verschrieben haben. Vertreter der Deutschen Krebshilfe, der Kinderklinik (Goethe-Universität) und des Vereins „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“ waren ebenfalls an der Commerzbank-Arena vertreten und strahlten mit den Kindern und der Sonne um die Wette.
„Die Resonanz der Kinder war überragend, die Anmeldelisten waren sofort voll. Mein Sohn hat einen Luftsprung gemacht, als er von dem Camp erfahren hat“, berichtet Uwe Menger, der in einer Doppelfunktion als Vater und Schatzmeister des Vereins „Hilfe für krebskranke Kinder“ das Training vor Ort begleitete. Menger und sein Sohn Patrick stehen sinnbildlich für den Optimismus im Kampf gegen den Krebs. Mit nur anderthalb Jahren wurde beim kleinen Patrick ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert. Ein absoluter Schock für die gesamte Familie, die fortan noch enger zusammenrückte und den Kampf aufnahm.
Es folgten Bestrahlungen unter Vollnarkose, Chemotherapie, vier Operationen und ein Shunt-System zur Ableitung des Hirndrucks im Kopf. „In der Situation bist du als Familie viel stärker als du dir das jemals vorstellen kannst. Für mich war das in dem Moment einfach unfassbar, aber du funktionierst und fängst sofort an positiv zu denken. Die Frage nach dem Warum stellst du nicht, weil du darauf auch keine Antwort erhältst“, so Menger. Doch der Kampf hat sich gelohnt: Nach weiteren anderthalb Jahren Therapie ist Patricks Gesundheit seit nunmehr sechs Jahren stabil, er ist ein super Schüler und vor allem ein riesen Eintracht-Fan.
Geschichten wie diese machen Mut und beschreiben den Fortschritt in der Medizin: „Als ich das letzte Mal hier war, sagte ich, drei von vier Kindern können vom Krebs geheilt werden. Mittlerweile ist wieder ein großer Schritt nach vorne gemacht und wir sind schon bei vier von fünf Kindern. Das zeigt, dass es vorangeht und wir werden weiterarbeiten, bis wir den Krebs vollständig besiegt haben“, so Winfried Schüller von der Deutschen Krebshilfe, der die Notwendigkeit für weitere zielgerichtete Forschung zur Verbesserung der Behandlungskonzepte unterstrich.
Dazu braucht es auch dringend Unterstützung aus der Bevölkerung. Der Verein „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“ finanziert an der Uni-Klinik insgesamt 31 Stellen vollumfänglich, darunter sieben Ärzte. Ein enormer Kraftakt, der ohne Zuwendungen von außen nicht zu stemmen ist. „Der Fortschritt im Kampf gegen den Krebs kommt nicht aus heiterem Himmel. Wir laden alle, die helfen wollen, herzlich ein, sich vor Ort einmal anzuschauen, was dieser Verein tut. Je mehr Menschen sich engagieren oder darüber sprechen, desto mehr hilft es uns“, so Mengers Appell.
Ohne die wichtige Arbeit solcher Vereine hätte wohl keines der Kinder an jenem Samstag so ausgelassen trainieren können. Umso schöner war es, dass sie keinen Gedanken an ihre Krankenakte verschwenden mussten, sondern die volle Dosis Fußball genießen konnten. Denn nach dem Training wartete noch das i-Tüpfelchen: Das Heimspiel der Eintracht gegen die Spitzenmannschaft Borussia Dortmund. Vor dem Match überreichte Fußballschulen-Leiter Charly Körbel Eintracht-Coach Nico Kovac noch ein Anfeuerungsplakat, das die Kinder eigens hergestellt hatten.
Ob es einen Zusammenhang gab, ist nicht überliefert, in jedem Falle vergoldeten die Adlerträger den Tag mit einer herausragenden Mannschaftsleistung und den wichtigen Punkten im Abstiegskampf. Der kleine Patrick Menger hatte dabei gleich doppelt Gru8nd zur Freude: Da er vorab das Ergebnis exakt richtig getippt hatte, wird er in der kommenden Saison zusammen mit Charly vor einem Heimspiel den Innenraum der Commerzbank besuchen und die Spielvorbereitung aus nächster Nähe beobachten können.
Die Eintracht Frankfurt Fußballschule dankt allen kleinen und großen Helden, die uns diesen wunderbaren Trainingstag ermöglicht haben. Alle Fotos gibt es auf unserer Facebook-Seite. Wenn Sie den Kampf gegen Krebs mit einer Spende unterstützen wollen, finden Sie alle Informationen hierzu auf den Webseiten des Vereins Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt und der Deutschen Krebshilfe.